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„Ein Hund entschleunigt das Leben“
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„Ein Hund entschleunigt das Leben“

Autor: NFV am 27.03.2015
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Mirko Slomka über seinen zwölf Wochen alten Vierbeiner, Hannover 96 und mehr

Dieter Bohlen. Der Name des Poptitanen geisterte auf einmal durch die Räumlichkeiten des Sporthotel Fuchsbachtal in Barsinghausen. Dort hatten sich vom 20. bis 22. März die Ehrenamtspreisträger der niedersächsischen Fußballkreise zu ihrem Dankeschön-Wochenende getroffen. Zum dreitägigen Programm gehörte auch die Podiumsdiskussion am Abschlusstag mit einem Prominenten. Wahrscheinlich aus Flachs vermutete einer der Teilnehmer, dass es sich bei dem - geheim gehaltenen - Ehrengast um eben jenen Mann handeln könnte, der zu den populärsten und umstrittensten Künstlern der deutschen Musikszene gilt.

Aus dem Flachs wurde ein Gerücht, aus dem Gerücht eine Art „Running Gag“, den Egon Trepke vor dem Auftritt des tatsächlich eingeladenen Promis gerne noch einmal zum Besten gab. „Ich habe beim Frühstück gehört, dass Dieter Bohlen unser Ehrengast sein soll. Da er aber heute noch eine Fernsehsendung hat, hat er leider absagen müssen. Wir bemühen uns jetzt, jemand anderen zu bekommen“, erklärte der NFV-Vizepräsident unter lautem Gelächter der Ehrenamtspreisträger. Wenig später wurde das Geheimnis schließlich gelüftet, mit breitem Grinsen und unter viel Applaus betrat Mirko Slomka den Saal Niedersachsen.

In der folgenden Stunde erlebten die Zuhörer einen sympathischen Gast, der sich offen und schlagfertig präsentierte. Wie bei der Diskussion über das gestörte Verhältnis von Teilen des Hannoveraner Anhangs zu Martin Kind. „Es tut mir weh, was da gerade passiert“, sagte Slomka und brach für den 96-Präsidenten und seine Vereinspolitik eine Lanze. Als daraufhin einige Ehrenamtspreisträger ihre Bedenken äußerten, bemerkte der Fußball-Lehrer: „Ich habe auch nicht behauptet, dass Herr Kind alles richtig gemacht hat. Zum Beispiel hat er mich entlassen…“


Gruppenfoto

Gelassen und schlagfertig stellte sich Mirko Slomka den Fragen von Hermann Wilkens (links) und Egon Trepke.


96 ist für den in Hannover lebenden gebürtigen Hildesheimer immer noch eine Herzensangelegenheit. Unter Slomka spielten die „Roten“ 2011 die erfolgreichste Bundesligasaison der Vereinsgeschichte und erreichten zweimal hintereinander die Europa League. Trotz dieser Erfolge musste Slomka Ende Dezember 2013 seinen Trainerstuhl räumen, auf dem mit Tayfun Korkut ausgerechnet jener Kollege Platz nahm, der eigentlich sein Assistent werden sollte.

„Man kann heraushören, dass die Kabine hinter dem Trainer steht“, sagte Mirko Slomka hierzu in Barsinghausen und gab sich zuversichtlich, dass „96 sich stabilisieren wird.“ Live gesehen hat er die Mannschaft zuletzt im Dezember 2014 beim 3:3 in Bremen. Es war eines von zwei Bundesligaspielen, die der Fußball-Lehrer seit seinem Ausscheiden beim Hamburger SV (September 2014) besucht hat. Wesentlich häufiger zieht es ihn derzeit in ausländische Stadien. „In Frankreich ist auch die 2. Liga sehr interessant. Dort findet man talentierte Spieler für kleines Geld.“

Seit über 25 Jahren ist Mirko Slomka nunmehr im Geschäft, wie es so schön heißt, aktiv. Seine ersten Schritte als Vereinstrainer machte er mit Anfang 20 bei Hannover 96. „Ich habe Mathe und Sport studiert mit dem Spezialfach Fußball. Der Verein hat bei meinem Dozenten angefragt, ob er jemanden kennt, der im Nachwuchsbereich eine Mannschaft übernehmen kann“, blickte er auf den Start seiner Trainerkarriere zurück. Die Wahl des Dozenten fiel auch deshalb auf Slomka, weil dieser zuvor schon reichlich Erfahrung mit Kindern gesammelt hatte, da er in den Ferien fünf- bis 13-Jährige in einem Camp trainierte. Eine Art Fußballschule, wie sie heute gang und gäbe ist, damals aber absolutes Neuland war.

Von 1989 bis 1999 prägte er bei Hannover 96 Nachwuchsmannschaften und -spieler (Gerald Asamoah, Fabian Ernst), ehe er zu Tennis Borussia nach Berlin als Jugendkoordinator ging. „Zum ersten Mal raus aus dem schönen, warmen Nest. Das war eine wichtige Erfahrung für mich“, erinnerte sich Slomka an seine Zeit an der Spree, die er dazu nutzte, sämtliche Trainerscheine zu erwerben.

2001 kehrte er als Assistent von Ralf Rangnick zu 96 zurück. Gemeinsam führten sie die „Roten“ 2002 nach 13 Jahren Abstinenz zurück in die 1. Bundesliga, ehe das Duo 2004 bei Schalke 04 unterschrieb. Nachdem sich Rangnick und der Verein überwarfen, wurde Mirko Slomka im Januar 2006 zum neuen Chefcoach der „Königsblauen“ befördert, mit denen er ins Halbfinale des UEFA-Pokals (heute Europa League) einzog und erst am späteren Sieger FC Sevilla scheiterte.

Es folgte eine Saison, die bis heute unvergessen ist. Weder beim ehemaligen Trainer noch beim Schalker Anhang. „Da habe ich geweint“, bemerkte die Frau des Helmstedter Ehrenamtspreisträgers Rainer Anders zum Meisterschaftsfinale 2006/07, in dem die „Knappen“ ab dem 22. Spieltag einen Vorsprung von sieben Punkten verspielten und auf der Zielgeraden ausgerechnet an den Revierrivalen VfL Bochum (1:2) und Borussia Dortmund (0:2) scheiterten. So nah dran, die erste Meisterschaft nach 1958 an den Schalker Markt zu holen, war Deutschlands wohl emotionalster Fußballverein bis heute nie wieder.

Aus dieser Zeit stammt auch eine Episode, die Slomka in Barsinghausen erzählte und die viel über seine Arbeitsweise verrät. Ein Spieler machte ihm Sorgen. Um einfach mal abseits des Trainings- und Spielbetriebes ungestört mit seinem Schützling reden zu können, entschied sich Slomka eines Abends, ihn zu besuchen. „Es war bereits gegen 23, 24 Uhr, als ich bei ihm geklingelt habe. Er hat geöffnet und gesagt: Trainer, komm‘ rein. Danach haben wir gesprochen und alles war okay.“

Bei seiner Arbeit greift Slomka gerne auf wissenschaftliche Methoden zurück. Zum Beispiel auf das Reiss-Profil, bei dem anhand eines psychologischen Testverfahrens ein Persönlichkeitsprofil erstellt wird. „Durch den Test weiß ich, wie ich jeden Spieler am besten erreichen kann.“

Die Zeit zwischen Schalke und dem Wiedereinstieg bei Hannover 96 im Januar 2010 nutzte er für Hospitationen, unter anderem bei Real Madrid. Die Philosophie der „Königlichen“ manifestiert sich auch in der Struktur des Trainingsgeländes, das in einen Hügel eingebettet ist. Während die Nachwuchsteams am Fuß der Anlage trainieren und spielen, ist der Kopf für die Profimannschaft vorbehalten. „Damit haben die Jugendspieler jeden Tag vor Augen, wo sie hinmöchten: Nach oben!“

Seine vorerst letzte Trainerstation beim Hamburger SV kostete viel Kraft. „Oliver Kreuzer (der Sportdirektor; Anmerkg. d. Red.) wurde ohne mein Wissen beurlaubt. Danach hätte ich zurücktreten müssen. Doch diesen Mut hatte ich nicht“, blickte Slomka in Barsinghausen auf die Sommerpause 2014 zurück, als er ohne den von ihm geschätzten Manager („Er war der richtige Mann. Ein Arbeiter, ein Macher“) auf einmal alleine in die neue Saison gehen musste, die für ihn bereits nach drei Spieltagen beendet war.

Angebote hat es seitdem einige gegeben. Doch Slomka hat sich entschieden, zu warten. Länder wie China, wo er mit dem HSV für eine Woche im Trainingslager war, schließt er „im Moment aus.“ Mit seinen Assistenten hat er sich erst neulich in Hannover getroffen um die Frage zu erörtern: „Was wollen wir, wenn ein Verein kommt?“ Dabei hat die Runde klar formuliert, „das ist unser Weg und kein anderer.“

Welcher das ist, wollte Mirko Slomka im Detail nicht verraten. Dafür sprach er lieber über das neue Mitglied der Familie. „Wir haben jetzt einen kleinen Hund, was ich eigentlich nie wollte.“ Der zwölf Wochen alte Vierbeiner hat im Nu auch sein Herz erobert. „Ein Hund entschleunigt das Leben. Eine halbe Stunde mit ihm Gassi zu gehen – das ist herrlich. Dabei konzentriert man sich auf das Wesentliche.“


Foto: Niedersächsischer Fußballverband





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